Jessi_und_ihre_Geschwister
Kindheit, ahoi!
Einzigartig, Folge 4: Warum es besonders ist, viele Geschwister zu haben

„Was? Du hast drei Geschwister?

Sind deine Eltern denn wahnsinnig?

Findest du das nicht doof?“

Nicht selten ist das die Reaktion meiner Gesprächspartner, wenn ich von meiner Familie erzähle. Ein etwas kritischer Blick mit einer Prise Ungläubigkeit ist auch oft dabei. Früher war meine Antwort oft zustimmend:

Ja, das ist wirklich nervig. Ja, es ist immer laut bei uns. Ja, es ist immer etwas los.

Mittlerweile sehe ich das vollkommen anders.

Drei Mädchen mit je drei Jahren Abstand plus ein kleiner Nachzügler. Drei Mädchen in der Pubertät – alle mit einem beeindruckenden Ego. Drei Charaktere, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Das bedeutet: Türen knallen, an den Haaren ziehen, Barbies den Kopf abreißen, bei Mama petzen, Klamotten klauen und jede Menge Zickenkrieg.

Aber das bedeutet auch, immer eine beste Freundin zu haben, jemanden zum Reden, sich gemeinsam über die Schule aufregen, wenn der Lehrer mal wieder total unfair bewertet hat (was selbstverständlich niemals daran lag, dass wir zu wenig gelernt hatten!) … Jemanden, mit dem man sich stundenlang in „Du darfst nicht den Boden berühren“ von Sofa zu Sessel zu Kissen zu Stuhl geholfen hat (schließlich war das Parkett heiße Lava und wollte uns verschlucken!) …

Wir konnten die besten Freundinnen sein, gemeinsame Unternehmungen machen, ins Kino gehen und Nächte durchquatschen. Genauso konnten wir uns manchmal von der einen Sekunde auf die andere nicht mehr ausstehen.

Und dann gab es doch den ein oder anderen Moment, in dem ich mir wünschte, Einzelkind zu sein: Wenn ich meinen ersten Freund mit nach Hause nahm und meine Schwester es sich zur Berufung machte, alle meine peinlichen Erlebnisse haargenau zu schildern. Oder mein Lieblingspulli einfach nicht auffindbar war und ich ihn drei Tage später in der Schule an meiner Schwester sah.

Mit dem Älterwerden wurden einige dieser Dinge zwar weniger relevant, aber dafür entstand ein ständiger Kampf um die Aufmerksamkeit der Eltern. Dass dann mein kleiner Bruder auf die Welt kam, als ich 13 Jahre alt war, brachte natürlich noch einmal ordentlich Wirbel in unsere Familie. Es war alles gut und schön wie es war – und auf einmal hieß es für uns Mädels mal wieder Rücksicht nehmen, aufpassen, bei Freunden und Freizeit zurückstecken, um auf den kleinen Bruder aufzupassen. Windeln wechseln und Gute Nacht Lieder singen. Das gehörte nun eben dazu.

Aber: Ich tat es gerne! Schließlich war das mein kleiner Bruder, mein Schützling, den ich manchmal fast wie einen eigenen Sohn sah.

Klar, ich habe in meiner Jugend dafür oft zurückstecken müssen. Während andere in meinem Alter im Freibad waren, habe ich meine Mutter im Haushalt unterstützt; anstatt ins Kino zu gehen, habe ich meinen Geschwistern bei den Hausaufgaben geholfen, und ich habe die ein oder andere Pyjama-Party verpasst, weil ich auf meinen kleinen Bruder aufgepasst habe.

Doch all das ist nichts im Vergleich zu dem, was man zurückbekommt: Seine kleinen Geschwister aufwachsen zu sehen ist ein wunderbares Geschenk, das ich nicht missen möchte. Ich habe sehr früh gelernt, verantwortungsbewusst zu handeln, Rücksicht zu nehmen, zu teilen und mich selbst auch mal zurückzunehmen. Meine drei Geschwister zu haben, hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin, und dafür bin ich meinen Eltern sehr dankbar.

Ich habe ein paar Jahre gebraucht, um die Gründe für so viele Handlungen und Maßnahmen meiner Eltern zu verstehen. Aber spätestens, seit ich von zuhause ausgezogen bin, kann ich ein Dutzend mehr verstehen.

Ich liebe es, eine große Familie zu haben, weil einfach immer jemand da ist. Weil mein kleiner Bruder immer noch vor Freude schreiend auf mich zurennt, wenn er mich länger nicht gesehen hat, und ich in meinen Schwestern zwei wunderbare Freundinnen gefunden habe. Ich bewundere meine Eltern dafür, dass sie sich das Leben selbst nicht so einfach gemacht haben und uns das Leben geschenkt haben.

Also nein, meine Eltern sind nicht wirklich wahnsinnig. Und nein, ich finde das gar nicht doof.

Eure Jessi

Einer Kommentare

  • find new domain

    22. März 2016

    Was für eine wunderbare Geschichte. Ich selbst habe drei Geschwister und kann das allerbestens nachvollziehen. Tolle Sache!
    Lg Franzi

    Antworten

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