20160721_Blogbeitrag
Kindheit, ahoi!
So klappt’s mit der Patchwork-Familie

Vater, Mutter, Kind: Die „klassische“ Familienkonstellation wird immer seltener. Stattdessen gewinnen Kinder heutzutage mit dem neuen Partner eines Elternteils und seinen Kindern häufig ein großes Stück Familie dazu. Das ist ziemlich schön! Weil aber bei dieser neuen Großfamilie viele Gefühle und Bedürfnisse im Spiel sind, muss man als Eltern besondere Strategien entwickeln, um dieser neuen Situation gerecht zu werden. Wir haben unsere Expertin, die Hamburger Dipl.-Psychologin Bettina gefragt, auf was es bei einer funktionierenden Patchwork-Familie ankommt.

1.) Was ist ein guter Zeitpunkt, um den neuen Partner vorstellen?

Bettina: Auch wenn man gerade sehr verliebt ist, ist es wichtig, dass man den neuen Partner erst dann vorstellt, wenn man sich sicher ist, dass die Beziehung von Dauer sein wird. Denn sonst kann es für die Kinder zu einem erneuten Verlust-Erlebnis kommen.

Anstatt die Kinder am Morgen überraschend im Bad auf den neuen Partner treffen zu lassen, schlagen Psychologen ein Stufenmodell vor. Die Grundregel dabei: Nur nichts überstürzen! Kennenlernen braucht Zeit und dabei hilft es, die Kinder nicht gleich zu überfordern. So kann man den neuen Partner erst einmal vorstellen, später einen gemeinsamen Tag verbringen und dann vielleicht auch mal ein Wochenende. So überfordert man die Kinder nicht und sie haben Zeit sich an die neue Situation zu gewöhnen.

2.) Wie kann man eine Beziehung zu den Kindern des neuen Partners aufbauen?

Bettina: Sich bewusst machen, dass die Kinder des Partners nicht die eigenen sind.

Gerade Kindergartenkinder sehen sich in dieser neuen Familienkonstellation in einem Loyalitätskonflikt gegenüber den leiblichen Eltern. Es hilft, sich das bewusst zu machen und auch Streit, Wut und negative Gefühle als Teil des Annäherungsprozesses zu akzeptieren. Damit nimmt man die Kinder ernst und nimmt den Druck aus der Situation.

Bis eine neue Familie zusammenwächst, dauert es in der Regel fünf Jahre. Deshalb ist es hier besonders wichtig, Feingefühl zu beweisen und sich langsam „heranzutasten“. Dabei hilft es aufmerksam zu sein und herauszufinden, was die Kinder des neuen Partners gerne mögen. Denn ganz besonders schön ist es, gemeinsame Interessen und Freude zu teilen.

3.) Wie kann man als Eltern Regeln aufstellen, die für alle Kinder fair sind?

Bettina: Beide Partner bringen eigene Rituale und Regeln in die neue Familie mit ein, an die die eigenen Kinder gewöhnt sind. Das Wichtigste ist da, wie auch in Nicht-Patchwork-Familien, dass Eltern miteinander sprechen. Denn nur, wenn beide Partner gemeinsam an einem Strang ziehen, sind Regeln authentisch und haben die Chance eingehalten zu werden.

4.) Was kann man tun, wenn sich eigenen Kinder sich nicht mit denen des neuen Partners verstehen?

Bettina: Sich in die Perspektive der Kinder hineinversetzen.

Dabei ist es zentral, dass man Kinder fragt, was sie fühlen und warum sie wütend sind. Nur, wenn man das tut und die Kinder und die Kinder mit ihren Ängsten wahrnimmt, kann man den Kontakt finden und gemeinsam an der Situation arbeiten. Harmonie kann und sollte man nicht erzwingen. 


5.) Angenommen der Ex des Partners ist im Familienleben immer präsent. Welche Möglichkeiten gibt es, damit umzugehen?

Bettina: Es ist doch nichts dagegen einzuwenden, dass der andere leibliche Elternteil für das Kind eine große Rolle spielt. Dabei ist es völlig okay, wenn man selbst weniger erlaubt. Wichtig ist, das man man selbst bleibt und sich wohl fühlt.

Problematisch an diesem Beziehungs-Dschungel ist, dass bei den Erwachsenen oft Gefühle wie Verletzung, Wut oder Eifersucht im Spiel sind. Dabei kommt es häufig dazu, dass Kinder instrumentalisiert werden. Das sollte man sich bewusst machen und versuchen, diese Emotionen als die eigen anzuerkennen und nicht auf die Kinder zu übertragen. Kinder spüren nämlich diese negativen Emotionen ganz genau und tragen sie weiter.

6.) Wie kann man Familienfeiern so gestalten, dass sich keiner vernachlässigt fühlt?

Bettina: Kinder treffen ihre Entscheidung, wo sie feiern wollen, häufig aus Loyalität heraus. Wenn der andere Elternteil zum Beispiel keinen neuen Partner hat, dann fühlen sie häufig mit ihm und wollen nicht, dass er sich vernachlässigt fühlt. Da kann es helfen das Gespräch zu suchen und ganz offen über die eigenen Gefühle und die der anderen Familienmitglieder zu sprechen.

Denn Kinder sollten nicht die Verantwortung für das Glück der Eltern übernehmen. Damit das nicht passiert, sollten sich die Erwachsenen in Geduld und Toleranz üben und sich selbst zurücknehmen. So können Kinder unbesorgt Kind sein und die Familie feiern.

7.) Hast Du noch einenTipp, auf was man bei einer Patchwork-Familie besonders achten soll?

Bettina: Wenn man einen neuen Partner kennengelernt hat, und frisch verliebt ist, dann spielen die Hormone schon mal verrückt. Man sollte jedoch immer bedenken, dass Kinder Angst haben, dass der neue Partner ihnen die Mama oder den Papa wegnehmen will. Dieses Gefühl ist sehr schmerzhaft. Deshalb ist es wichtig, genau hinzuhören und die Kinder ernst zu nehmen.

psychologin_kinder

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